Physiotherapeutische Maßnahmen sind bei uns Menschen nicht mehr aus der Medizin wegzudenken. Sie erfüllen einen wichtigen Beitrag zur Rehabilitierung, nach Operationen, beim geriatrischen Patienten, sowie auch bei chronischen Erkrankungen.

In der Veterinärmedizin wird diese wichtige Sparte aber oft noch stiefmütterlich behandelt. Viele Menschen denken gar nicht daran, dass diese wenig invasiven Behandlungsmethoden eine oft enorm positive Auswirkung auf ihren Liebling haben können. Gegebenfalls kann sogar die Einnahme von anderen Medikamenten reduziert werden.

Sanja Polz, Tierärztin, Physiotherapeutin und Osteopathin (CityVet Tierarztpraxis Gersthof) wird uns hier ein wenig über ihr Spezialgebiet erzählen. 

Wie bitte? Physiotherapie für den hund?

Eine Frage, die ich nicht selten gestellt bekomme. Und wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass ich bei der ersten Konfrontation mit diesem Thema auch eher skeptisch war. Erst die Ausbildung zum CCRP (Certified Canine Rehabilitation Practicioner) hat mir die Augen geöffnet, wie viel Forschung schon zu diesem Thema am Laufen ist und wie häufig und erfolgreich es schon angewandt wird.

Auch nach dieser intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema war ich noch etwas skeptisch, ob es für den nicht athletischen “normalen” Familienhund auch sinnvoll und vor allem auch erfolgreich sein wird. Meine Zweifel verflüchtigten sich aber sehr bald.

Ein kleiner Malteser-Rüde, Billy, war einer meiner ersten Patienten. Er war sieben Jahre alt und wurde von einem Kollegen überwiesen, weil er immer wieder hinkte und HD (Hüftdysplasie), eine bei Rassehunden leider häufig auftretende, angeborene Fehlbildung der Hüften hatte. Schmerzen hatte der kleine Herr erst in letzter Zeit bekommen, weil sich Arthrosen – kleine Verknöcherungen – gebildet hatten.

Billy bei der Physiotherapie in der Praxis von Dr. Sanja Polz.
Malteser-rüde Billy bei der physiotherapie
Wie kann man sich eine physiotherapeutische Behandlung vorstellen?

Jeder, der schon einmal selber Physiotherapie hatte, wird viele Ähnlichkeiten entdecken. Es geht vor allem darum, die Gelenke wieder beweglich zu machen und Muskulatur aufzubauen. Meist fange ich mit einer kurzen Massage des ganzen Körpers an, um das Vertrauen meines Patienten zu gewinnen und eine Entspannung einzuleiten. Danach werden die Gelenke durchbewegt, bevor die Kräftigungsübung drankommen.

Bei Patienten, wie dem oben erwähnten Billy, sind vor allem Propriozeptionsübungen wichtig. Eine der bekanntesten ist wohl das Wackelbrett oder Wackelkissen. So stand der kleine Billy nun auf dem Wackelbrett, wippte in alle Richtungen und musste plötzlich Muskeln verwenden, von denen er durch seine Schonhaltung gar nicht mehr wusste, dass er sie noch hatte.

Machen Tiere die Übungen freiwillig?

Jein! Es gibt natürlich immer “Streber, die besonders motiviert sind. Meistens sind allerdings Leckerlies im Spiel, in rauen Mengen! Oft teilen wir die Patienten auch so ein, dass sie vor den Mahlzeiten kommen, wenn sie richtig hungrig und motiviert sind.

Billy war eher der Leckerli-Typ. Nach seinen Muskelaufbauübungen bekam er dann Stromtherapie. Dabei werden kleine, speziell für Tiere und deren Fell entworfene Elektroden auf die besonders schmerzhaften Stellen gesetzt. Durch diese Elektroden werden verschiedene Frequenzen und Intensitäten in die betroffene Stelle gebracht und diese entspannen die Muskulatur und lindern auch direkt den Schmerz.

Durch die Physiotherapie können die Schmerzen des Hundes gelindert werden.
Physiotherapie kann die schmerzen des hundes enorm lindern.
Wie oft muss ein Tier behandelt werden?

Je nach Problem muss die Dauer und Häufigkeit der Behandlung angepasst werden. In der Regel ist mindestens eine Behandlung pro Woche nötig, über einen Zeitraum von circa 8-10 Wochen. Wichtig ist auch, wie viel und wie fleißig der Besitzer zu Hause mit seinem Vierbeiner übt.

In Billys Fall gab die Besitzerin zu, dass sie wüsste, dass es wichtig wäre, sie es aber einfach nicht schaffe. Wir behandelten Billy also ein bis zwei Mal pro Woche über einen Zeitraum von drei Monaten. Zu unserer großen Freude war der dann so weit, dass er eine drei stündige Bergwanderung schaffte, ohne danach zu humpeln. Im Alltag merkte die Besitzerin auch generell keine Beeinträchtigung mehr.

Billys ergebniss

Zum Schluss war sie, und auch wir, überrascht, wie viel ein bisschen gezieltes Training bringt und natürlich unheimlich froh, dass Billy ein uneingeschränktes Leben ohne Medikamente führen konnte.

Mittlerweile gibt es viele Möglichkeiten Tiere manuell zu behandeln. Physiotherapie, aber auch Osteopathie und Chiropraktik sind da ganz vorne dabei. Auch durch den Einsatz von Geräten für Strom- oder Lasertherapie, kombiniert mit verschiedenen Bewegungsübungen können viele Erkrankungen des Bewegungsapparates gelindert, aber auch verhindert werden, bzw. sind sie ohne den Einsatz von schweren Medikamenten in den Griff zu bekommen.

Aber auch ältere Hunde kann man mit Physiotherapie wunderbar unterstützen und ihnen Wohlbefinden und ein möglichst langes, schmerzfreies Leben ermöglichen. Natürlich gibt es hierzu auch noch andere wichtige Faktoren, wie Bewegung, frische Luft und gesunde Nahrung. Ausgewogenes, frisches Futter und regelmäßige Gewichtskontrollen sind natürlich auch essentiell für eine erfolgreiche Therapie.

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